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Zahnstein: Wie er entsteht und warum er sich nicht wegputzen lässt

Liebe Patientinnen und Patienten, in unserem zweiten Beitrag wird es endlich zahnmedizinisch: Es geht um Zahnstein. Einfach gesagt ist Zahnstein die verhärtete Form von weichem Zahnbelag (Plaque): hart, gelblich-weiß bis bräunlich und mit einer rauen Oberfläche. Wir alle haben es, wir alle kennen es. Zahnstein ist vermutlich so alt wie die Menschheit und immer noch Gegenstand aktueller Forschung, nicht nur in der Zahnmedizin. Auch in der Archäologie, bei der Untersuchung von Skeletten, geben Zahnsteinproben einen Einblick in die Mundflora unserer Vorfahren.

Heute soll es aber um die Basics gehen. Das Verständnis von Zahnstein ist der erste Schritt, um Parodontose zu verstehen. Für viele Patienten ist Parodontose und ihre entzündliche Version, die Parodontitis, noch immer ein blinder Fleck in ihrem Wissen.

Einmal gebildeter Zahnstein lässt sich nicht mehr mit einer Zahnbürste wegputzen. Er bildet sich häufig innerhalb von 24–48 Stunden, in einigen Fällen schon nach 12 Stunden, oberhalb des Zahnfleischrandes und besonders schnell und gut, wenn sich in der Nähe noch Speicheldrüsen befinden. Deshalb finden wir Zahnstein sehr häufig zwischen den ersten oberen Backenzähnen und an den unteren Schneidezähnen, wo sich auch die Ausführungsgänge unserer großen Speicheldrüsen befinden. Zahnstein, der sich unterhalb des Zahnfleischrandes durch Flüssigkeit aus den Zahnfleischtaschen bildet, nennt sich Konkrement.

Für diejenigen, die es etwas genauer wissen wollen: Zahnstein ist auf den zweiten Blick sehr komplex und bildet ein eigenes ökologisches System. Er besteht aus zwei Komponenten: Einem anorganischen und einem organischen Anteil. Der harte Anteil sind verschiedene Calciumphosphatverbindungen und entstammt unserem Speichel. Die zweite Komponente ist der weiche Zahnbelag, unsere Plaque. Die Plaque besteht aus Proteinen, Kohlenhydraten und Mikroorganismen.

Aber wie entsteht Zahnstein? Direkt nachdem wir unsere Zähne geputzt haben, legen sich Speichelproteine auf die Zahnoberfläche und bilden das Pellikel, einen sehr dünnen Film. Eine wichtige Aufgabe dieses dünnen Biofilms ist die Remineralisierung unserer Zähne. Ab einer bestimmten Dicke des Biofilms wirkt dieser wie ein Schwamm und es lagern sich auch Bakterien an. Die Bakterien in der Plaque verändern durch ihren Stoffwechsel den pH-Wert. Sobald der pH-Wert ansteigt, sinkt die Löslichkeit von Calciumphosphat, wodurch Mineralien ausfallen. Aber jetzt wird es spannend, denn in dieser von außen festen Struktur gibt es im Inneren Nischen, Poren, Gänge und Tunnelsysteme, in denen Bakterien weiter ungestört leben können. Sie überleben dort ungestört vor den „guten Bakterien" in unserem Speichel, antibakteriellen Mundspüllösungen oder auch Antibiotika.

Wenn man sich die Zahnoberfläche ganz genau anschaut, sieht man, dass sie nicht perfekt glatt ist; es finden sich kleine Poren und Unebenheiten. In diese kleinen Poren wächst die Plaque mit ihren Kristallen regelrecht rein und „verwurzelt" sich mit dem Zahn.

Sind wir an diesem Punkt angekommen, hilft keine Munddusche, keine Zahnseide, auch keine Schall- oder elektrische Zahnbürste mehr. Nur mit einem Ultraschallscaler oder Handinstrumente lassen sich die Verankerungen schonend lösen.

Ich hoffe, diese doch nun etwas detaillierten Informationen helfen Ihnen, den komplexen Aufbau von Zahnstein zu verstehen. In einem weiteren Beitrag beschäftigen wir uns dann mit den Auswirkungen von Zahnstein auf unser Zahnfleisch sowie mit neuen Ansätzen in der Bekämpfung. Vielleicht ist das Verständnis für die Entstehung von Zahnstein eine gute Motivation, Zahnseide oder Interdentalbürstchen zu nutzen. Aus meinen Gesprächen mit Patienten weiß ich, dass die meisten Zahnseide benutzen. Unregelmäßig, aber doch häufiger als vielleicht der Bundesdurchschnitt, was eine solide Grundlage darstellt.

In einer repräsentativen YouGov-Deutschland-Umfrage von Juni 2019 (2.056 Befragte) gaben 35 % an, ihre Zahnzwischenräume ein- bis zweimal täglich zu reinigen. 15 % taten dies höchstens einmal im Monat oder gar nicht.

Jetzt wissen wir auch, dass nur die Frequenz erhöht werden muss. Bei einigen täglich, bei einigen wenigen zweimal täglich. Also, Zahnseide aus der Schublade holen und der „Pro-Tip": Legen Sie die Zahnseide vielleicht direkt auf die Zahnbürste, um die Nutzung unumgänglich zu machen. Die Motivation ist bei uns allen da, es sind ja unsere eigenen Zähne, aber meistens fehlt es nur an der Umsetzung. Also, die Uhr tickt. Sie haben nur noch 12 bis 48 Stunden Zeit. Viel Spaß beim Ausprobieren!

Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine individuelle zahnärztliche Beratung.

Quellen

  1. Lindhe J, Lang NP. Clinical Periodontology and Implant Dentistry. 7. Auflage, Wiley, 2022.
  2. Newman MG, Klokkevold PR, Elangovan S, Kapila Y, Carranza FA, Takei H. Newman and Carranza's Clinical Periodontology and Implantology. 14. Auflage, Elsevier, 2023.
  3. Marsh PD. Dental Plaque as a Biofilm and a Microbial Community. Caries Research, 2004.
  4. Hannig M, Joiner A. The structure, function and properties of the acquired pellicle. Monographs in Oral Science, 2006.
  5. Warinner C et al. Ancient dental calculus and the evolution of the oral microbiome. Philosophical Transactions of the Royal Society B, 2015.
  6. Sälzer S et al. EFP S3 Clinical Practice Guideline. Journal of Clinical Periodontology, 2020.
  7. EFP S3-Leitlinie Parodontitis (2020), DG PARO-Leitlinie.
  8. YouGov Deutschland. Online-Umfrage zur Mundhygiene, Juni 2019 (2.056 Befragte). Zitiert nach: ZWP online, „Fakten mit Biss: So halten es die Deutschen mit der Zahnpflege", zwp-online.info.

Stand: Juli 2026

Abbildungen: Handskizzen von Johannes Fernandes, Reinzeichnung und Titelbild von Claude Opus 5 nach diesen Skizzen.

Porträt von Johannes Fernandes
Geschrieben vonJohannes FernandesZahnarztpraxis Castell

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