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Zucker in den ersten 1.000 Tagen: Was eine neue Studie zum Alzheimer-Risiko andeutet
Eine neue britische Auswertung verbindet wenig Zucker in den ersten 1.000 Lebenstagen mit einem um 46 % geringeren Alzheimer-Risiko. Bewiesen ist damit nichts, aber der Fund lohnt einen genaueren Blick.
Heute, aus aktuellem Anlass, geht es um das Thema Zucker. Zucker und die Verstoffwechselung in Bakterien sind maßgeblich für eine Karies verantwortlich, aber darum soll es jetzt nicht gehen. Wir werden uns aber in Zukunft noch intensiv mit den Grundlagen zum Thema Zucker und Zahngesundheit beschäftigen. Das verspreche ich Ihnen.
Während ich den Artikel schreibe, esse ich gerade ein Eis. Es gibt eine Eissorte aus dem Supermarkt, die vom Geschmack her fast perfekt wäre. Hätte diese Sorte Eis Zartbitter anstatt Vollmilch, dann würde ich deutlich häufiger das Produkt kaufen. Es ist heute ein sehr heißer Sommertag, über 30 °C. Und ich gehe davon aus, dass der Verkauf von Speiseeis im Jahr 2026 wieder einen Rekord verzeichnen wird. Auch als Zahnarzt, und obwohl ich die kurzfristigen, aber auch die langfristigen Folgen von Zucker kenne, kann ich auf Zucker nicht verzichten.
Was die Studie gefunden hat
Einen interessanten Artikel, den ich vor Kurzem gelesen habe, möchte ich gerne mit Ihnen teilen: „Low-Sugar Diet Early in Life Linked to 46% Lower Alzheimer's Risk". Auf Deutsch: „Zuckerarme Ernährung im frühen Leben ist mit einem um 46 % geringeren Risiko für Alzheimer verbunden."
Die Arbeit ist im Juli 2026 in der Fachzeitschrift npj Aging erschienen, gelesen habe ich sie dann zuerst auf ScienceAlert. Ein Forschungsteam um Bing Zhang hat die Daten von 60.394 Britinnen und Briten der Jahrgänge 1951 bis 1956 ausgewertet. Es sind Teilnehmende der UK Biobank, einer großen britischen Gesundheitsdatenbank, die Menschen über Jahrzehnte begleitet.
Wer in den ersten Lebensjahren unter Zuckerrationierung aufwuchs, hatte demnach im späteren Leben:
- ein um 27 % geringeres Risiko für Demenz, den Oberbegriff für Erkrankungen mit fortschreitendem Verlust von Gedächtnis und Denkvermögen,
- ein um 46 % geringeres Risiko für Alzheimer, die häufigste einzelne Form der Demenz,
- ein um 11 % geringeres Risiko für Depressionen und
- ein um 20 % geringeres Risiko für Angsterkrankungen.
Für Parkinson fand sich kein Zusammenhang. Entscheidend war das Zeitfenster: Die schützende Verbindung zeigte sich vor allem bei den ersten rund 1.000 Tagen, von der Schwangerschaft bis etwa zum zweiten Geburtstag. Eine Zuckerbeschränkung, die nur im Mutterleib bestand und nach der Geburt endete, brachte kaum einen Unterschied.
Warum ausgerechnet dieser Jahrgang?
Aber was den Artikel so interessant macht, sind die Probanden beziehungsweise die Ausgangslage. Die Menschen durften damals nicht über ihren eigenen Zuckerkonsum entscheiden. Zucker wurde rationiert. Die Menschen hatten einfach wenig Möglichkeiten, Zucker zu konsumieren. Für Kinder unter zwei Jahren war gar keine eigene Zuckerration vorgesehen. In der Not ist es einfach, Zucker zu verbieten. In der heutigen Zeit steht Zucker einem aber ständig zur Verfügung. Zucker heute zu verbieten, wäre unmöglich.
Die Rationierung begann 1940 und endete erst im September 1953, also acht Jahre nach Kriegsende. Erwachsenen standen weniger als 40 g Zucker pro Tag zu, Kindern weniger als 15 g. Ab 1953, als die Rationierung beendet wurde, verdoppelte sich der durchschnittliche Konsum von 41 g auf 80 g Zucker pro Tag. Forschende nennen so eine Ausgangslage ein natürliches Experiment; dasselbe Zeitfenster hat ein US-Team bereits 2024 im Fachblatt Science untersucht, damals mit Blick auf Diabetes und Bluthochdruck.
Was die Studie nicht sagt
Und hier ist die Einordnung, die wichtig ist: Das ist eine Beobachtungsstudie, die Autoren selbst nennen sie „quasi-experimentell". Niemand wurde einer Gruppe zugelost, niemandes tatsächlicher Zuckerkonsum wurde gemessen. Die Zahl der Erkrankten ist zudem klein: 307 Demenzfälle, davon 123 Alzheimer. Und die Teilnehmenden der UK Biobank sind im Schnitt gesünder und weniger vielfältig als die Gesamtbevölkerung.
Eine einzelne Studie ist ein Hinweis, kein Beweis.
Die Studie zeigt einen Zusammenhang, sie beweist keine Ursache. Wer heute wenig Zucker isst oder seinem Kind wenig gibt, hat damit kein Versprechen für Gesundheit, und wer viel Zucker gegessen hat, hat auch keine Diagnose für eine Erkrankung. Der Fund passt zu vielem, was wir ohnehin empfehlen, und er verdient, weiterverfolgt zu werden.
Wie viel Zucker ist es heute?
Das Statistische Bundesamt weist für Deutschland 41,2 kg Zucker pro Kopf und Jahr (Stand 2023) aus. Das sind rechnerisch rund 113 g pro Tag. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung kommt für das Wirtschaftsjahr 2024/25 auf 33,2 kg, also etwa 91 g pro Tag; beide Zahlen beschreiben die verfügbare Menge, nicht das, was tatsächlich im Mund landet. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt weniger als 10 % der Tagesenergie aus freiem Zucker, das sind bei 2.000 Kalorien etwa 50 g.
Wie auch immer man rechnet, wir liegen deutlich darüber, und deutlich über den rund 40 g der rationierten Jahrgänge. Genauere Zahlen speziell für unter Zweijährige gibt es leider nicht.
Was ich davon halte
Da Zucker der entscheidende Faktor bei der Kariesentstehung ist, müssen wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten.
Ich bin für eine Besteuerung von Zucker, und ich finde, der Zugang zu Zucker sollte für kleine Kinder eingeschränkt werden. Dies hätte deutliche Einschränkungen für Kitas, Kindergärten und Schulen. Das sage ich in erster Linie, weil ich täglich sehe, was Zucker im Mund anrichtet. Dass nun immer mehr Erkenntnisse über seine Wirkung auf den übrigen Körper dazukommen, bestätigt mich in dieser Haltung. Wenn aber Zucker besteuert wird, sollte man die Steuern für Gemüse oder Vollkornprodukte deutlich senken, von den heute schon ermäßigten 7 % etwa auf einen symbolischen Wert von 1 %.
Die politische Lage hat sich dabei gerade bewegt. Eine Zuckersteuer ist in Deutschland für 2027 geplant. Die Bundesregierung hat sie 2026 auf den Weg gebracht. Sie betrifft allerdings nur zuckergesüßte Getränke, nicht Zucker allgemein.
Reicht das? Jein. Ich finde, es ist ein Anfang, der längst notwendig war. Aber für die Gesellschaft spürbar wird dies nicht sein. Denn der Zucker, um den es in dieser Studie geht, steckt nicht nur in der Limonade.
Und doch muss man abwägen. Erwachsene Menschen müssen selbst entscheiden dürfen, was für sie richtig ist, denn ich sitze hier schließlich mit meinem Eis. Wer aufgeklärt ist, die Folgen kennt und echte Alternativen hat, darf für sich beantworten, ob der Genuss es wert ist. Verbote sind nicht immer der bessere Weg. Was ich stattdessen für unverzichtbar halte: verständliche, ehrliche Informationen direkt beim Kauf. Bei Kindern in den ersten Lebensjahren liegt der Fall für mich allerdings anders, denn sie entscheiden ja nicht selbst.
Was Sie mitnehmen können
Auch wenn die Studie nichts beweist, sind ein paar Dinge unabhängig davon sinnvoll, gerade bei den Kleinsten:
- Ungesüßter Tee und Wasser statt Saft oder Limonade, besonders in der Trinkflasche für unterwegs.
- Kein gesüßtes Getränk als Einschlafhilfe in der Nuckelflasche. Denn das ist zugleich die häufigste Ursache früher Karies im Milchgebiss.
- Ein Blick auf die Zutatenliste von Babygläschen, Quetschies und Frühstücksflocken lohnt sich, denn Zucker versteckt sich dort hinter vielen Namen.
Ich freue mich schon auf den Deep Dive zum Thema Zucker: Was genau bewirkt Zucker im Körper? Warum lieben wir ihn so sehr? Welchen Vorteil hatte er für unsere Vorfahren? Und können wir uns überhaupt beherrschen oder macht Zucker süchtig?
Auf ein Wiedersehen. Johannes Fernandes
Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine individuelle zahnärztliche Beratung.
Quellen
- Lian et al. Early-life sugar rationing, brain aging, and long-term neurodegenerative and psychiatric health outcomes: a population-based natural experiment study. npj Aging, 22.07.2026. nature.com
- ScienceAlert. Low-Sugar Diet Early in Life Linked to 46% Lower Alzheimer's Risk, 2026 (Sekundärquelle, über die ich auf die Studie aufmerksam wurde). sciencealert.com
- Statistisches Bundesamt. Weltweiter Zuckerverbrauch pro Kopf, Stand 2023. destatis.de
- Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Pro-Kopf-Verbrauch von Zucker: 33,2 Kilogramm, Wirtschaftsjahr 2024/25. ble.de
- Weltgesundheitsorganisation. Guideline: Sugars intake for adults and children, 2015. iris.who.int
- DAG, DDG und DGE. Quantitative Empfehlung zur Zuckerzufuhr in Deutschland, Konsensuspapier, Dezember 2018. dge.de
- Gracner T, Boone C, Gertler PJ. Exposure to sugar rationing in the first 1000 days of life protected against chronic disease. Science, 31.10.2024. science.org. Zu den Rationssätzen siehe auch die Zusammenfassung der National Institutes of Health, nih.gov
- Deutscher Bundestag. Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage, Drucksache 21/6290, 21. Wahlperiode, 03.06.2026. Angaben zur geplanten Abgabe auf zuckergesüßte Getränke ab 2028. dserver.bundestag.de
- beck-aktuell. Zuckersteuer statt Zuckerabgabe: Planänderung wegen verfassungsrechtlicher Bedenken, 30.06.2026. beck-aktuell.de
Stand: August 2026
Abbildungen: Foto von Johannes Fernandes. Titelbild von Claude Opus 5 mit dem Grafik-Generator des Blogs (Stil V3). Datenquellen: Statistisches Bundesamt 2023, Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung 2024/25, WHO 2015, Gracner et al. 2024.

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